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Grüne Kleve

9. April 2008

Sickelmann: Ein Plädoyer für sauberes Grundwasser

in einem umfangreichen Manifest wendet sich die Fraktionssprecherin der Grünen im Kreistag gegen weiteren Naturraubbau am Niederrhein. Das hier in Jahrmillionen angesammelte Grundwasser sei ein höchst schützenswertes Gut, dass nicht kurzfristigen Profitinteressen geopfert werden darf.

Der „Wasserschatz“ in NRW erfordert einen sorgfältigen Umgang. NRW verfügt auch im europäischen Maßstab über einen bedeutenden Wasserschatz. Das Niederrhein-Gebiet, die sog. Niederrheinische Bucht, ist die an Grundwasser reichste Region Deutschlands.

Das Grundwasser ist hier an das mehr als tausend Meter mächtige Lockergestein, an Kiese und Sande gebunden. Hier bieten Porengrundwasserleiter hervorragende Speichereigenschaften für das Grundwasser. Die Niederrheinische Bucht ist Trinkwasserreservoir für die bevölkerungsreichste Großregion Deutschlands mit ihren 5,2 Millionen Menschen.

Grundwasser stellt in Deutschland die wichtigste Ressource zur Gewinnung von Trinkwasser dar. Der Steinkohle/ Braunkohleabbau und der massive Kiesabbau verändern die Grundwasserqualität unwiederbringlich.

Noch ist das Wasser bei uns ganz selbstverständlich täglicher Komfort- und Wohlfühlfaktor für den Menschen, sowie ein vergleichsweise preiswerter Standortfaktor für die Landwirtschaft und für die verarbeitende Wirtschaft, doch das könnte sich in Zukunft ändern..

Enorme Begehrlichkeiten

Gleich mehrere großflächige Nutzungsansprüche in der Niederrheinischen Bucht beeinträchtigen das Grundwasser. Im Dreieck der Städte Aachen – Köln – Mönchengladbach finden durch den Braunkohleabbau massive Eingriffe statt, die großflächig und weiträumig in das Grundwassergeschehen eingreifen.
Zusätzlich zum Kohleabbau findet ein über dem Landesdurchschnitt liegender Kiesabbau statt. Während bei den bergbaulichen Tätigkeiten die Zerstörung der Grundwasserleiter und die enormen volkswirtschaftlichen Schäden thematisiert werden, wird die Diskussion beim Kiesabbau perfider geführt.

Beiderseits des Rheines, entlang der wasserwirtschaftlich bedeutendsten Niederterrasse, hat jahrzehntelang der Kies- und Sandabbau stattgefunden.
Bis in die Mitte der achtziger Jahre wurden viele der entstandenen Baggerseen mit Abraum, aber auch mit Industrieschlämmen verfüllt. Der frühere Kommunalverband Ruhr stufte etliche dieser Rheinvorlandflächen als altlastenverdächtig ein.

Der Rhein als kostengünstiger Transportweg und die hohen Exportraten von Kies und Sand in die Niederlande haben zu ernormen Flächenverbräuchen vor allem am unteren Niederrhein geführt. Im Regierungsbezirk Düsseldorf ergeben ehemalige und aktive Kiesabbauflächen eine Größenordnung von 150 Km² oder 15.000 ha.

Die Flächen in der Rheinaue sind bis auf wenige Räume im Kreis Kleve abgegraben.
Weitere Abgrabungsflächen sind mit hohem ökologischen und raumplanerischen Konfliktpotenzial verbunden.

Deshalb will die Kiesindustrie neue Suchräume jetzt auch in den Wasserschutzzonen III/B und in den Wasserreservegebieten durchsetzen. Weitere 110 Km² sind als Interessengebiete der Kiesindustrie im Regierungsbezirk Düsseldorf angemeldet. Auf diesen für die Gemeinden und Landwirte „nutzlosen“ Flächen (weil mit Restriktionen belegt) konzentrieren sich jetzt die Begehrlichkeiten der Kiesindustrie.

Galt bisher die wasserwirtschaftliche Sichtweise, keine Kiesabgrabung in der Wasserschutzzone III/B zuzulassen, da sich ein Gefährdungspotenzial für die Trinkwasserversorgung grundsätzlich nicht ausschließen lässt, sollen nun bundeseinheitliche Regelungen für die Eingriffe in die Wasserschutzzone III/B vorbereitet werden.

Unschädlichkeit wird vorgeschoben

Aufwind bekommt die Kiesindustrie durch eine sogenannte KABA-Studie (Konfliktarme Baggerseen). Diese Studie ist in Baden-Württemberg unter Federführung der Landesanstalt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau zusammen mit der Kiesindustrie durchgeführt worden.

Hier wird behauptet, dass Nassabgrabungen keine generelle Gefährdung für den Grundwasserschutz darstellen. Im Gegenteil Abgrabungen werden vom Fachverband Kies und Sand als Schadstofffalle dargestellt; der Baggersee als biologische Kläranlage sozusagen. Doch diese Studie gilt in Fachkreisen als höchst umstritten und angreifbar.

An einigen ausgewählten Baggerseen mit nur wenigen Untersuchungs-parametern, sollte die Unschädlichkeit des Eingriffes für das Grundwasser „bewiesen“ werden.

Nun sollen die Ergebnisse dieser Studie bundesweit auf verschiedene Gebiete übertragen werden, ohne dass unterschiedlichste hydrogeologischer Gegebenheiten berücksichtigt werden. Mit Erfolg: denn mittlerweile hat die Philosophie diese Studie auch in den Ministerien des Landes NRW Einzug gehalten. Der vom Wirtschaftsministerium herausgegebene „Arbeitsbericht Rohstoffsicherung“ macht schnell klar, welche Interessen hier durchgesetzt werden sollen, denn die Versorgung mit Rohstoffen wird den Belangen der Trinkwasservorsorge gleichgestellt.

Weiterhin wird ein „Überdenken pauschaler Flächentabuisierungen“ und ein flexibleres Vorgehen an der  “Schnittstelle von Rohstoffgewinnung, Wasserschutzzonen und Landschaftsschutzgebieten, das jedenfalls die chancenreiche Einzelfallprüfung nicht ausschließt“ gefordert.

Wie die „chancenreiche“ Einzelfallprüfung für die Wasserschutzzonen ausgehen würde, ist vorhersehbar. Die hydrogeologischen Gutachten werden von den Antragstellern beigebracht. Es darf bezweifelt werden, dass die genehmigungspflichtigen Kreise und kreisfreien Städte, in der Lage sind, ein hoch fachspezifisches Gutachten zu prüfen geschweige zu widerlegen. Angesichts der Haushaltslage ist auch kein Geld für eine kostspielige Überprüfung außer Haus vorhanden. Abgesehen davon würde das Unvermögen natürlich nicht eingestanden.

Die Gefahren einer Abgrabung

Die Kosten für das Trinkwasser betragen in Deutschland wenige Cent pro Tag. Zu verdanken haben wir das angenehme Preisniveau unseres Trinkwassers zunächst den kostenlosen „Bodenfiltern“. Die Reinheit des Grundwassers kommt aus den schützenden Sand- und Kiesschichten. Der unterirdische Grundwasserraum ist ein hochspezialisierter Lebensraum. Die Reinigungsleistung übernehmen zahlreiche Mikroorganismen (Bakterien, Pilze) im belebten Oberboden. Darüber hinaus ist der Grundwasserraum mit winzigen Grundwassertieren besiedelt ist. Die Lebensbedingungen des unterirdischen Lebensraumes sind Dunkelheit, konstante Temperatur, Nährstoffarmut, an die sich eine hochspezialisierte Artenvielfalt angepasst hat. Eine wichtige Funktion dieser Grundwasserorganismen ist es, die Porenräume des Grundwasserleiters freizuhalten, indem sie den Eintrag organischer Materials in den Untergrund zersetzen. Ohne diese Funktion würde der durchlässige Grundwasserleiter verstopfen. Auch wenn es bis jetzt nur wenige Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet gibt, kann davon ausgegangen werden, dass massive Eingriffe und Stoffeinträge in den Grundwasserraum Funktion und Lebensbedingungen die Grundwasserfauna verändern und zerstören können. Bei einer Abgrabung geht die schützende Deckschicht komplett verloren. Übrig bleibt ein Grundwassersee, der im Austausch mit dem Grundwasserleiter bleibt, wodurch Stoffeinträge durchsickern könnten und das Temperaturgefälle verändert wird. Um ein Bild zu gebrauchen, eine offene Wunde im Grundwasserleiter darstellt.

Grundwasserschutz erhalten

Der bisher konsequent angewandte vorsorgende Grundwasserschutz hat das hohe Niveau der Trinkwasserqualität in Deutschland sichergestellt. Dieses Erfolgsrezept wird aufgehoben und das Risiko der Wasserwirtschaft und damit der Allgemeinheit zugeschoben, die im Schadensfall teuere Aufbereitungstechnik bezahlen muss. Die „Freigabe“ der Wasserschutzzone III/B vollzieht sich außerhalb und unter Ausschluss einer demokratisch herbeigeführten Entscheidung. Es kann nicht sein, dass die Lobbyarbeit der Kiesindustrie und nicht die gewählten Volksvertreter über die qualitative Zukunft des Lebensmittels Nummer 1 entscheidet. Die Politik muss dafür Sorge tragen, dass die begrenzten Wasserreservegebiete vor schädlichen Nutzungen bewahrt werden.

Ute Sickelmann